Lothar KühneGeboren 1931 |
![]() Foto: WeltfilterArchiv Wo dem Individuum harmonischer Raum versagt ist, weicht es in die Gegenständlichkeit aus und diese blüht paradiesisch auf.
Lothar Kühne Haus und Landschaft Der Warenproduzent ist der große Künstler, er zeichnet die einfühlenden Figuren der Ohnmacht in die Dinge und schmeichelt dem Bedürfnis der Menschen in dem Maße, wie er ihre Interessen verletzt.
Lothar Kühne Haus und Landschaft Die Gestalteigenschaften der Mode haben einen funktionalen Doppelcharakter: Sie bilden zuerst die Faszination des Gegenstandes und erregen den Drang zu seiner Aneignung und damit Begegenständlichung des betreffenden Individuums, und sie bewirken dann den psychischen Zwang zur faktischen Enteignung und damit zur Entgegenständlichung des Individuums. Der soziale Defekt des Gegenstandes, der die faktische Selbstenteignung der Nutzer erzwingt, wird mit den selben phänomenalen Eigenschaften der Produkte erreicht, die zuerst ihre besondere Suggestivkraft auf eine Masse von Käufern bewirkten.
Lothar Kühne Gegenstand und Raum ... hey, du weißt ja, dass ich gegen so sachen wie materialism und pimptum bin, aber ich will mir jetzt noch diese military-jacke, eine seven-jeans und ein paar schuhe kaufen. danach hör ich damit auf ...
praschl 26. Oktober 2005, 17:33 [the julia files: was ich bei käfer an der wursttheke gehört habe] KURZVITALothar Kühne [Eine Kurzbiografie ist noch nicht verfügbar.] WERKE
Lothar Kühne, Gegenstand und Raum. Dresden 1981
Lothar Kühne, Haus und Landschaft. Aufsätze. Dresden 1985 LITERATURBruno Flierl u.a., In memoriam Lothar Kühne. Von der Qual, die staatssozialistische Moderne zu leben. Berlin 1993 Ein Gegenstück zu dem eloquenten Henselmann, der sich nach der Wende nicht mehr an die eigene Rolle als DDR-Baumeister erinnern mochte, ist Lothar Kühne, jener utopische Ästhet des Raums, der vergeblich versuchte, in der DDR Bauen als philosophische Kategorie zu definieren und die räumliche Dimension des Gesellschaftlichen zu erarbeiten. Dem Asketen Kühne ist durch den Freitod vor 15 Jahren die Ankunft in der bunten Welt der Werbung erspart geblieben.
Detlev Lücke Wem gehört die Stadt? Zwei neue Bücher des Architekturkritikers Bruno Flierl Der Architekturhistoriker Bruno Flierl schreibt im Artikel über das „Haus“ über den eigenständigen DDR-Marxisten Lothar Kühne, dessen Arbeiten zwar zu einem großen Teil in der DDR in einem kleinen exzellenten Dresdner Verlag erschienen, aber außerhalb der offiziellen Lehrmeinungen nur von einer kleinen Minderheit beachtet wurden. B. Flierl holt ihn uns in die Gegenwart zurück.
Helmut Steiner Vorwort zu Band 5 des Historisch-kritischen Wörterbuchs des Marxismus, Berliner Institut für kritische Theorie (InkriT e.V.) Zum Mittun in einem bürokratisierten Betrieb von Partei, parteilicher Wissenschaft und Lehre usw. sich verpflichtend und zugleich als Handelnder seinem Tun einen revolutionären Sinn gebend, verlangte der überzeugte kommunistische Intellektuelle Lothar Kühne von sich das Unmögliche.
Michael Brie Die Tragödie eines kommunistischen Intellektuellen, in: In memoriam Lothar Kühne, Von der Qual, die staatssozialistische Moderne zu leben, 1993 ... dass man sozusagen Dinge, die man schätzt, sozusagen nicht angrapscht. Auch geistig. Sondern dass man versucht, sie erstmal zu sehen und zu berühren. Den Augenblick oder den Moment als etwas Bedeutsames zu begreifen. Behutsamkeit ist so ein Begriff aus der Ästhetik. Es gab mal so einen Philosophen in der DDR, Lothar Kühne, der über Gegenstand und Raum gearbeitet hat und meinte, dass eine kommunistische Form des Umgangs mit den Dingen des Alltags Behutsamkeit wäre. Und das fand ich einen sehr schönen Gedanken.
Hans-Eckardt Wenzel 2000 Wann hab ich mir schon mal zeit genommen wieder nachzudenken. Arbeit studium arbeit vielleicht essen. Die glotze klaut einem stunde um stunde selbstverschuldet. So reaktiviere ich mich endlich und baue diese seiten als anfang, als ausrede. Jedenfalls fangen unsere kleinen runden wieder an, wie zum beispiel an einem kleinen fundusbuch von Lothar Kuehne zu lutschen, uns auseinanderzusetzen. Es gibt ja doch so viele kleine gruppen, runden, foren. Aber ich muss erst einmal wieder die augen aufmachen.
Peter Heilbronn Gedanken zu einem neuen Manifest, 1998; apronsknie.de DOKFILMLa Rotonda Vincenza - In Erinnerung an Prof. Lothar Kühne DANK & TIPPFür die Überlassung des Textes über Lothar Kühne danken wir dem Autor Mirko Driller herzlich mit dem Hinweis auf seine Homepage, wo noch andere interessante Themen auf Leser warten, so z. B. über Hörspiele, Sauerteig und Pfefferpotthast: |
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Fast alle Stimmen in den Medien propagieren heute einen besinnungslosen Konsum als Rettung für den Schuldenstaat, um mit höherem Wachstum und höherem Verbrauch die ökonomische Schieflage der kapitalistischen Wirtschaft auszugleichen. Wenn es nicht Denker vom Schlage Lothar Kühnes gegeben hätte, würde man an der Vernunftfähigkeit der modernen Gesellschaft zweifeln. Leider ist die Quellenlage zu Kühne extrem schlecht; man muss leider feststellen, dass er aus dem aktuellen Bewußtsein fast komplett verschwunden ist. —WELTFILTER Ganzheit der GegenständeVon Lothar Kühne
Jeder der Gegenstände des praktischen Gebrauchs ist für sich genommen zunächst einfach. Mit Ausnahme bestimmter Gegenstände, deren Aneignung mit einer großen finanziellen Belastung verbunden ist, weist er vordergründig auf keine besondere menschliche Problematik. Die Tasse zum Trinken, der Löffel zum Schöpfen, das Bett zum Liegen, der Kamm zum Kämmen. Aber als Ganzheit der Gegenstände eines Individuums objektivieren sie zugleich ein existentielles Drama. Der eine Gegenstand ist die Entsagung eines anderen. Das bedeutet im bestehenden Verhältnis nicht nur versagten tätigen Gebrauch und konkreten Genuß, sondern auch eine in den Gegenständen vorgestellte Differenz zu anderen Individuen. Die Gegenstände stehen für die Konflikte der in engerer Gemeinschaft lebenden Menschen, auch für ihren Zusammenschluß. Sie haben in ihrem Gegenstand schließlich nicht nur den Widerschein des so entsagten anderen, im besonderen, doch nicht im Ausnahmefalle, auch den des im Gegenstand versagten anderen Menschen. So steht er etwa für das zweite oder dritte Kind und zeichnet den Weg des Alten ins Altersheim. Der in seiner bloß technischen und praktischen Ästhetik erscheinende Gegenstand wirkt hier leicht zynisch, er verweigert nicht nur Erinnerungen, sondern erinnert an die Möglichkeiten eines anderen noch unerfüllten Lebens und - stört. Für die Faszination der Einfachheit des Praktischen ist noch kein dauerhaftes Organ gebildet. So tritt wieder das Verklärungszeichen, das Ornament, an den Gegenstand, hebt ihn vom Reich des Praktischen wenigstens etwas ab, weil sein Subjekt dort noch nicht ganz angekommen ist. Landschaft ist stets gesellschaftlich gewordener Raum, aber für das Individuum nur durch
sein eigenes Werden wirklich. Es muß den eigenen Reichtum herausarbeiten, um den
Landschaft gewordenen Reichtum anzueignen, es findet keine Grenze, die es in den eigenen
Raum zurückweist, weil es die Grenze seines Raumes als Landschaft nur durch sein
übergehen, durch die Entfaltung seiner Individualität als welthistorische Universalität bilden
kann ... Was die natürlichen Bedingungen zu Elementen der Landschaft werden läßt, ist nicht einfach die Anwesenheit von Menschen, sondern deren Lebensweise, ihr praktischer und ästhetischer Horizont und die Inhalte seiner Erfüllung. Erst die praktische und ästhetische Sonderung von Erdraum durch Menschen gebiert Landschaft.
Das Bild der Zukunft erscheint im Gegensatz zur Utopie als Perspektive. Aber die Perspektive ist auch eine Funktion der Einstellung.
Wenn der Zweck nicht mehr schmutzig ist, muß die erscheinende Zweckmäßigkeit nicht mehr wegdekoriert werden.
Die Beziehung von strenger Ökonomie der gegenständlichen und räumlichen Produktionsbedingungen und vergeudender Lebensweise steht der Verwirklichung des Kommunismus entgegen. Die Idealisierung des Mülls in der Erscheinung des bekunsteten Gegenstands entwickelte nun eine Tendenz der Verdrängung der praktischen Raumwerte, es wurde die »gute Stube«.
Das eigentliche handwerkliche Produkt hat in seinem Produzenten zugleich das Subjekt seiner Zwecksetzung und das der Bildung aller Dispositionen der Objektivierung des Zwecks als Gegenstand. Hierbei wird das vorgestellte Bild eines zu verwirklichenden Gegenstandes ganz in der Art künstlerischer Gestaltung im Arbeitsprozeß selbst erst konkretisiert und modifiziert. Ästhetischer Gestaltsinn und ästhetisches Gestaltungsvermögen sind für diesen Arbeiter unabdingbare subjektive Arbeitsbedingungen, und der Arbeitsprozeß ist Vergegenständlichung individueller Subjektivität. Im Gegensatz hierzu personifiziert der Designer nicht mehr die Totalität des industriellen Produkts. Und die unmittelbaren Produzenten des maschinellen Erzeugnisses haben nur eine gestaltverwirklichende, keine gestaltdisponierende oder auch nur gestaltmodifizierende Aufgabe zu erfüllen. Die Produkte sind bereits vor ihrer Herstellung durch im wachsenden Maße arbeitsteilige Operationen prägnant technisch disponiert. [...] Das Erzeugnis wird damit zum Element der Serie. Mode und Funktionalismus in Lothar Kühnes »Gegenstand und Raum«Von Mirko Driller
1. Bewegungsrichtungen von Gegenständlichkeit unter bürgerlichen VerhältnissenKühne geht davon aus, daß sich in der ästhetischen Gestaltung von Gegenständen die gesellschaftliche Einstellung der Menschen zu diesen Gegenständen (und damit auch zueinander) ausdrückt. Die Form der Dinge hat immer eine gesellschaftliche Typik: zeigen sich in dieser Form doch sowohl ihre Herstellungsbedingungen (seien sie zum Beispiel handwerklicher oder industrieller Art) als auch ihre möglichen Bewegungsrichtungen, die Kühne in seinem Hauptwerk »Gegenstand und Raum« (211-215) in dem berühmt gewordenen Absatz »Der Gegenstand als Gespenst« idealtypisch anhand einer von einem Mann gekauften Tasse illustriert. Die erste und einfachste Bewegungsrichtung ist laut Kühne die der Gebrauchsform, in der der Gegenstand funktional gestaltet und auf Dauerhaftigkeit hin angelegt ist. Die so geformte Materie wird zwar nicht ewig ihre Form behalten; wenn sie sie aber zuungunsten ihrer Brauchbarkeit verändert, wenn in Kühnes Beispiel also die Tasse zerbricht, so tut sie es ohne gesellschaftliche Typik. Sie hat einfach das Ende ihrer Tage erreicht und ihren Gebrauchswert verloren, wodurch sie zu Müll wird. Ihre Metamorphose ist Naturgesetzen geschuldet. Auf der nächsten Stufe sind es hingegen gesellschaftliche Gesetzlichkeiten, die eine Gestaltveränderung des Gegenstands bewirken: die Bewegungsrichtung der Vermüllung ist eine spezifisch bürgerlichen Verhältnissen eigene. Weil hier das Produkt als Ware nicht nur einen Gebrauchswert, sondern auch einen Tauschwert hat und der Produzent ausschließlich an diesem interessiert ist, ist die Gestaltung des Gegenstands von vorneherein nicht auf Brauchbarkeit für den Konsumenten, sondern auf Tauschbarkeit für den Hersteller hin angelegt. Im Falle der Tasse schließt das eine das andere geradezu aus: indem der Mann sie als Trinkgefäß benutzt, realisiert er ihren Gebrauchswert ständig aufs Neue, ohne daß der Produzent weiterhin ihren Tauschwert realisieren kann. Die (kapitalistische) Lösung dieses Problems besteht zunächst darin, sprödes und brüchiges Material zu verwenden, damit der Gegenstand seinen Gebrauchswert (vom Standpunkt der technischen Möglichkeit aus vorzeitig, vom Tauschwertstandpunkt aus rechtzeitig) verliert und so der Absatz weiterer Waren (inklusive eines Müllgefäßes, mit dem der Mann seinen Raum nun ausstatten muß) gewährleistet werden kann. Dieses Modell macht sichtbar, was einer Perspektive, die scheinbaren Positivitäten verhaftetet ist, verborgen bleibt: »eine Tasse ist eine Tasse« gilt nicht, denn die Gestalt der Tasse ist von den Produktionsbedingungen abhängig, so daß ihr Zerbrechen auf dieser Ebene bereits mit einer gesellschaftlichen Typik geschieht, man könnte auch sagen: mit Methode. Diese Methode, der eingebaute Verschleiß, erweist sich jedoch historisch als zu denunziatorisch. Der Ärger des Manns über die vorzeitig vernutzte, vermüllte Tasse ruft in der Marktsituation potentiell Konkurrenten auf den Plan, die ihrerseits Absatzchancen wittern. Der Mann schaut sich nach solchen auch bereits um, wodurch der Produzent sich gezwungen sieht, den Gegenstand mittels Bekunstung endgültig komplett zu entfunktionalisieren: er formt nur mehr ein »tassenähnliches Gefäß«. Kühnes ironische Andeutung »Nur wenige Motive der Plastik und der Malerei wären zu nennen, die nicht wenigstens als Andeutung hier eingefaßt waren« (213), läßt sich sowohl als Seitenhieb auf die Postmoderne als auch als Aussage über die Funktionalisierung von Stil durch Absatzinteressen verstehen. Der nun nicht mehr an einem funktionalen Trinkgefäß interessierte, sondern dysfunktionale Anschauungsgegenstände sammelnde Mann sieht sich zu zusätzlichen Anschaffungen genötigt: er braucht »zur Ausstellung seiner Tassen« »nun einen Schauschrank«, und wenn Kühne den als »Vorläufer der Schrankwand« (die wiederum ein zentraler Einrichtungsgegenstand der »guten Stube« sei) ausweist, so ist in diesen Worten die Kritik an vorherrschenden und politisch gewollten Tendenzen im DDR-Design unverkennbar. Daß der Gegenstand seinen Gebrauchswert verliert, wird an dieser Stelle noch nicht einmal mehr als Ärgernis empfunden, sondern ist gerade der Sinn der Bekunstung gewesen, die damit praktisch-alltäglichen Müll ins Sonntägliche idealisiert hat. Die alptraumhafte Eindrücklichkeit, mit der Kühne so die grenzenlos gewordene Gegenständlichkeit als Verstopfung des Raums beschreibt, liefert einen Schlüssel zu seiner Grundfrage: Wie kann man eine Ästhetik spezifizieren, die sich nicht an Gegenständen, sondern am Reichtum menschlicher Beziehungen orientiert? Eine vierte Bestimmung der bürgerlichen Bewegungsrichtungen von Gegenständlichkeit umschreibt Kühne nur sehr vage. Sie läßt sich in sein idealtypisches Schema vom Mann mit der Tasse nicht mehr einpassen. Er nennt sie »der Gegenstand als Gespenst« (215) und deutet an, daß die zuvor genannten Seinsweisen synthetisch in eine zu fassen wären. Gegenständlich-konkret läßt sich das nicht mehr ausdrücken. Der Produzent jedenfalls ist nicht willens, zur Gebrauchsform zurückzukehren, während dem Konsumenten dringend ein praktisches Trinkgefäß fehlt. Welche Formen Gegenständlichkeit innerhalb bürgerlicher Verhältnisse unter diesem widersprüchlichen Vorzeichen annehmen wird, kann und will Kühne nicht konkretisieren — zumal er die Aufhebung dieser Verhältnisse anstrebt. 2. Mode und FunktionalismusDer Kommunismus als gesellschaftliche Bewegung wie auch als Gesellschaftsformation (die den gesellschaftlichen Zustand des Kommunismus ebenso beinhaltet wie dessen Wegbereiter, den Sozialismus) erkämpft diese Aufhebung, und ein Mittel dazu, wie auch ein gestalterischer Inhalt desselben, ist der Funktionalismus, die programmatische Seite funktionaler Gestaltung. Diese definiert Kühne als »dem dominanten Charakter des Gegenstandes verpflichtet«, der »durch die Ausbildung seiner Erscheinung zugleich den ästhetischen Wert bildet«. Während der Gegenstand unter bürgerlichen Verhältnissen, wie oben geschildert, sich vom Menschen wegbewegt, indem ihm gebrauchsfremde, den Gebrauchswert überdeckende bzw. letztlich negierende Vermüllung bzw. Bekunstung widerfährt, soll funktionale Gestaltung auch die technisch-funktionelle, vor allem aber die praktisch-funktionelle Seite des Gegenstands realisieren, das heißt ästhetisch in der sinnlichen Erscheinung der praktischen und technischen Gegenstände erfahrbar machen. Demgegenüber sollen tradierte ästhetische Erwartungsmuster, deren Kategorien und Wertigkeiten aus der kunstkulturellen Gestaltwelt stammen, mindestens zurücktreten — eigentlich befinden sie sich hier generell in einer ihr fremden Sphäre. Adornos Einwand gegen historisch real gewordene Umsetzungen des funktionalistischen Programms, am »erbarmungslos Praktischen« erlebe der Mensch gerade dessen Unpraktisches, entgegnet Kühne, daß zwar die psychischen Befindlichkeiten und kulturellen Dimensionen von Praxis stets bedacht werden müßten, greift aber die beschwichtigend gemeinte Formulierung Adornos, im Ornament zeigten sich »Narben vorindustrieller Produktionsweisen«, an, indem er sie ernst nimmt: solche Narben verwiesen »auf Wunden, die noch bluten«, nämlich eine reaktionäre, verklärende Sehnsucht nach diesen vorindustriellen Produktionsweisen. Ein wissenschaftlicher, dialektischer Antikapitalismus suche die Entfremdung nicht durch Kunstsurrogate zu verdecken, sondern begreife den durch die Maschinisierung erfolgten Bruch mit der kunstzentristischen Ästhetik als positiven Wert. Während Funktionalismus auf diese Weise wie auf der Titelgrafik des Buches mit Kommunismus als auseinander hervorgehend zugleich in Deckung gebracht wird, gehört die Mode anderen Entwicklungsperioden an — dem ursprünglichen Sinn nach sogar vorbürgerlichen. Wenn man Mode im Sinne von »à la mode« als zeitgemäße, den (technisch-praktischen sowie gesellschaftlichen) Gegebenheiten entsprechende Form von Produkten menschlicher Arbeit betrachtet, ergeben sich für die vorindustriellen, handwerklichen Epochen der jeweils individuelle, exklusive Gegenstand. Dieses »bedeutungsvoll Zufällige« wird in der kapitalistischen Serienproduktion ausgelöscht (worin für Kühne deren »kommunistische Potenz« liegt). Weil aber Mode auch als »Komplex dinglicher Eigenschaften« aufgefaßt werden kann, die »funktionell bestimmt werden durch den Tauschwert«, kann die endgültige Verneinung des Exklusiven, Modischen, durch Zeitverläufe und Änderungen der Mode Entwerteten ausschließlich kommunistisch aktualisiert werden. Unter kapitalistischen Bedingungen sind die Produzenten gezwungen, die eigentlich für eine rationale Planung wie geschaffenen industriellen Produktionsweisen gleichsam zurückzunehmen, indem sie die Produkte bekunsten und damit ihren Tauschwert erhöhen. Die Vorteile, die die Serienproduktion theoretisch ermöglichte, nämlich in der Produktion die Gegenstände auf unterschiedliche Bedürfnistypen hin zu differenzieren, ohne an Effektivität wesentlich einzubüßen, müssen im Kapitalismus zwangsweise in einem Dornröschenschlaf verharren. Der Grundsatz »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen« gilt hier noch nicht. Die Differenzierung in der Produktion findet daher nicht nach Bedürfniskriterien statt, sondern vielmehr werthierarchisch. Anstatt Gegenständlichkeit gestalterisch zu optimieren und damit dem Ziel, mit minimaler Gegenständlichkeit maximale Bedürfnisbefriedigung zu erzielen näherzukommen, ist der kapitalistische Produzent dazu verdammt, seine Produkte bloß tauschwertig zu optimieren. Das Ziel der Produktion im Sozialismus/ Kommunismus ist die Konsumtion, im Kapitalismus ist sie die »Anschauung«, die dem Konsumenten zwar als Eigenwert erscheint, aber in Wahrheit als Überbau des Profitstrebens z.B. seine Tasse »über dem Tisch schweben« läßt, seiner Macht entzieht. Wenngleich Lothar Kühne seine Parteilichkeit als marxistisch-leninistischer Philosoph immer wieder klar macht und seine Parteidisziplin ihm lebenslang verbot, zum Dissidenten zu werden, sind doch viele seiner sich immer wieder ausdrücklich auf den Kommunismus beziehenden Aussagen und Forderungen kaum anders als kritisch gegenüber den tatsächlichen Gegebenheiten in der DDR zu verstehen. Wenn von »bürgerlichen« Zuständen die Rede ist, meint Kühne also nicht nur den äußeren, sondern oft gerade den »inneren« Klassenfeind. Quelle: Copyright ©: 2002, 2003, Mirko Driller / GNU General Public License Zu Architektur und StadtplanungVon Bruno Flierl
[...] Architektur als gebaute Umwelt des Lebens gesellschaftlicher Individuen zu begreifen, nicht des Menschen als Abstraktum, sondern konkret, in konkreten gesellschaftlichen Verhältnissen, da haben wir einen theoretischen Anfang gemacht. Gemeinsam mit der Kulturtheorie der DDR, die um diese Zeit mit Staufenbiel, Hanke und Mühlberg repräsentiert war. So sind wir später auch in die Diskussion gekommen über das wesentlichste Problem: Im Gegensatz zur bisherigen marxistischen Theorie formulierte ich – fußend auf dem Philosophen Lothar Kühne – die räumliche Dimension des Gesellschaftlichen. Die marxistische Gesellschaftstheorie hatte die gesellschaftliche Tätigkeit des Menschen immer als kooperative arbeitsteilige Tätigkeit analysiert und betrachtet. Es reduzierte sich alles auf das Kriterium der Zeit. Letztes Kriterium aller produktiver Tätigkeit ist die Zeit, das ist richtig. Aber alle, zumal arbeitsteilige und dann wieder kooperierte Tätigkeit der Individuen ist auch räumlich dimensioniert. Von der Stadtplanung und Territorialplanung, der Planung eines Hauses mit seinen vielen Räumen wissen wir, wie wichtig es ist, die Tätigkeit über den Raum zu verknüpfen und philosophisch gesehen die Einheit von Raum und Zeit herzustellen. [...] Und der reale Sozialismus der DDR knirschte ökonomisch, war demokratisch nicht entfaltet, geistig nicht kommunikativ und in den Kalten Krieg und die Rüstung eingespannt. Wir hatten eigentlich eine Theorie des kommunistisch emanzipierten Menschen vor Augen, das heißt, einer Gesellschaft, in der die Individuen von allem Zwang befreit über sich selbst verfügen. Lothar Kühne ist in diese Zukunft möglicher Gesellschaftlichkeit, sei sie utopisch oder nicht, so weit vorgestoßen, daß er sich von dort die Kriterien der Kritik am realen Sozialismus holte. Das machte ich in meinem Denken für Architektur auch. Damit waren wir zwar nicht im Verdacht, wir würden unsere Kriterien aus der gesellschaftlichen Realität des Kapitalismus beziehen – was wir tatsächlich nicht taten und auch nicht wollten –, aber wir bezogen sie aus einer Zukunft, zu der die DDR gar nicht fähig und willens war. Bruno Flierl, Die gebaute Umwelt des Lebens der Menschen; Gespräch mit Hans-Jürgen Mende |
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